
Die Ambitionen sind hoch, die Realität ernüchternd
Am 3. November 2025 hat das Berliner Abgeordnetenhaus das bundesweit erste Klimaanpassungsgesetz in Gestalt des „BäumePlus-Gesetzes“ des Baumentscheids parteiübergreifend ohne Gegenstimmen beschlossen. Wie realistisch die Umsetzung ist, wird stark diskutiert. Dr. Hartmut Balder analysiert die Situation, Pro und Contra.
von Dr. Hartmut Balder erschienen am 26.03.2026Baumpflanzungen in unseren Städten sind in die Jahre gekommen, sie zu erhalten trotz widriger Umstände, ist großes Thema in der Diskussion um die grüne Infrastruktur in der Stadt der Zukunft. Wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften zeigen viele Wege auf, wie Neupflanzungen nachhaltig gelingen können. Diese Dinge zusammenzubringen, ist die Chance, die sich aus dem Berliner Baumentscheid ergibt. Dabei darf es nicht um Quantität, sondern es muss um Qualität in der Begrünung der steinernen Stadt gehen.
Der Berliner Baumentscheid
Mit dem Grün-/Weißbuchprozess „Grün in der Stadt – für eine lebenswerte Zukunft“ und der EU-Restoration Law (Wiederherstellung der Natur) wird allen verdeutlicht, dass sich in der Stadtplanung und der Bewirtschaftung der grünen Infrastrukturen grundlegend etwas ändern muss. Nachhaltigkeit in der Straßenbepflanzung kann nur bedeuten, alle wissenschaftlichen Errungenschaften zu nutzen, um gesunde, vitale und gesunde Baumpflanzungen ohne Folgeschäden und -kosten zu ermöglichen. Nur funktionale Gehölzpflanzungen werden in der Lage sein, die Stadt der Zukunft attraktiv zu schmücken, mit großen Baumkronen zu kühlen und attraktive Lebensräume für viele Organismen für lange Zeit darzustellen. Die Baumpflege muss sich daher verstärkt um Standortplanung, Vegetationstechnik und Anwuchssicherung kümmern.
Baumkontroll- und Verkehrssicherheits- fragen bestimmen noch viel zu sehr die aktuelle Praxis. Dr. Hartmut Balder
Wenn also die amtlichen und politischen Stadtakteure nicht erkennen, was die Stunde geschlagen hat, dann müssen es eben andere tun. So kann man den Prozess des aktuellen Volksentscheides Baum (BaumEntscheid) in Berlin verstehen, der als Ergebnis einer Bürgerinitiative das Berliner Klimaanpassungsgesetz (auch BäumePlus-Gesetz) öffentlichkeitswirksam auf den Weg gebracht hat. Die Bürgerinitiative kritisierte vorrangig, dass zu viele Bäume gefällt und nur bedingt nachgepflanzt werden, der Baumbestand demnach schwindet.
Aktuell wachsen an den Berliner Straßen circa 430.000 Bäume unterschiedlicher Art und Altersklasse, kurz nach dem 1. Weltkrieg säumten nahezu 500.000 Bäume die Berliner Straßen. Es wird auch beklagt, dass der aktuelle Straßenbaum-Zustandsbericht 57 % aller Bäume der wichtigsten Baumgattungen als leicht bis extrem geschädigt ausweist (Abb. 1). Nach Verhandlungen mit dem Senat sowie den politischen Fraktionen wurde ein Änderungsantrag mit unwesentlichen Änderungen eingereicht und das Gesetz am 3. November 2025 im Abgeordnetenhaus beschlossen. Zur Umsetzung stehen aktuell rund 1 Mrd. € zur Verfügung (der Berliner Senat will statt der ursprünglich 2 Mrd. € jetzt 1 Mrd. € bereitstellen). Die bundesweite Aufmerksamkeit ist groß und die ausgelösten Diskussionen über die Sinnhaftigkeit sind kontrovers.
Inhalt des Klimaschutzgesetzes ist es, den Baumbestand bis 2040 auf 1 Mio. Straßenbäume zu erhöhen und die Pflicht zu einer wirksamen Pflege und zum Schutz der Bestände zu verankern. Die gültige Baumschutzverordnung muss im Mai 2026 angepasst werden. So müssen unter anderem für jeden gefällten Baum drei neue gepflanzt werden. Ab 2027 dürfen Bürgerinnen und Bürger Baumscheiben bepflanzen oder neue Bäume über Fachbetriebe anpflanzen lassen. Es gibt sogar den Vorschlag, keine ausgewachsenen Alleebäume, sondern lediglich Setzlinge zu verwenden.
Dadurch soll die Klimaresilienz der Großstadt mit vielen zur Überhitzung neigenden Stadtquartieren verbessert werden, sodass insbesondere in baumlosen, versiegelten Stadtarealen Bäume in ausgewiesenen Hitzevierteln gepflanzt werden sollen und kleine Parks entstehen. Ein Fachbeirat soll den Prozess konstruktiv begleiten. Die kommunale Berliner Politik wird von der Stadtgesellschaft öffentlich und nun auch rechtlich aufgefordert werden, mehr Baumpflanzungen zu organisieren. Also alles auf gutem Wege?
Argumente pro mehr Baumpflanzungen
- Es ist vielfach durch Studien belegt, dass Stadtbäume mit großen und vitalen Baumkronen die öffentlichen Freiräume kühlen.
- Gebäude werden dadurch schattiert und vor Aufheizung geschützt.
- Bedingung dafür sind Standorte, die für geeignete Baumarten für lange Zeit ausreichend Wuchsraum bieten – ober- und unterirdisch. Viele Stadtstandorte müssen jedoch erst großräumig bepflanzbar gemacht werden, das heißt, unterirdische Ver- und Entsorgungsleitungen müssen verlegt und geeignete Baumsubstrate eingebaut werden (Bild ganz oben).
- Lückige Baumbestände werden nachgepflanzt, sofern es fachlich sinnvoll ist.
- Gartendenkmale können saniert und erneuert werden.
- Vorhandene Baumbestände können besser im Stadtumbau vor Schäden geschützt werden, sofern alle Planungs- und Ausführungsakteure kompetent, interdisziplinär und output-orientiert agieren.
- Bessere Schutz- und kontinuierliche Baumpflegemaßnahmen reduzieren mittelfristig das Auftreten von Stamm- und Wurzelfäulen, sodass die Kosten für Baumkontrollen und Verkehrssicherungsmaßnahmen deutlich sinken werden.
- Große Baumbestände mit hoher Artenvielfalt geben viel Raum für die Biodiversität und können ökologische Gleichgewichte herstellen, sodass viele Lästlinge und Schädlinge durch die Förderung ihrer natürlichen Gegenspieler in ihrem Massenauftreten kontrollierbarer werden.
Argumente contra Baumpflanzungen gemäß Klimaschutzgesetz
- Die Pflanzung von 560.000 Straßenbäumen bis 2040 ist zeitlich völlig unrealistisch und technisch nicht zu leisten.
- Die dafür benötigte Anzahl an Gehölzen in guter Qualität ist auf dem freien Markt nicht ausreichend verfügbar, schon gar nicht mit dem Anspruch auf regionale Herkünfte, akklimatisierte Baumschulware und in pathologisch einwandfreier Qualität. Mittelfristig helfen können nur Auftragsanzuchten und die Wiedererrichtung kommunaler Baumschulwirtschaft.
- Nachpflanzungen in lückigen Baumbeständen machen oft keinen Sinn, da der Druck der vorhandenen Altbäume viel zu groß ist (Lichtmangel, Wasser- und Nährstoffkonkurrenz).
- Nachpflanzungen: Absterbende Gehölze haben ihre sachlichen Hintergründe, die Ursachen hierfür müssen erkannt, beseitigt oder auch Nachpflanzungen abgelehnt werden.
- Stadtstandorte in den Zentren sind mangels Wuchsraum mit herkömmlichen Baumpflanzungen nicht zu verbessern, hierfür sind lediglich Kübelpflanzungen oder Gebäudebegrünungen sinnvoll.
- Die Verwendung von Setzlingen oder Wurzelschösslingen ist auch bei gesicherter Anwuchspflege nicht zielführend, da die geringe Blattmasse erst nach längerer Zeit eine nennenswerte Kühlleistung erbringt und erheblich zu Vandalismus einlädt (Bild unten).
- Die zuständigen Behörden haben aktuell weder quantitativ, noch qualitativ einen für diese große Herausforderung ausreichenden Personalbestand, sind digital wenig ausgestattet und werden politisch kaum unterstützt.
- Funktionierende Baumpflanzungen von privater Hand sind fachlich nur eingeschränkt zu erwarten, da zu erzielende Großbäume über lange Zeit eine kontinuierliche Betreuung benötigen. Dies ist bei den Klimaveränderungen besonders wichtig, um bei Trockenheit, Hochwasser und Sturmereignissen fachlich agieren zu können.
- Wenn die Stadtgesellschaft selbst Baumpflanzungen realisiert, so verbleibt dennoch die Verantwortung für die Verkehrssicherheit bei der Kommune. Dies müsste dann geändert werden, was nicht realistisch ist.
Offene Fragen
Dem Fachmann ist klar, dass diese große Aufgabe erfolgreich nur mit großer Kraftanstrengung und konsequenter Vorgehensweise zu meistern ist. Aktuell ist völlig unklar, woher die zu pflanzenden Gehölze bezogen werden sollen. Wer soll geeignete Standorte finden, wer sie pflanzen, den Anwuchs sichern und die langfristige Pflege leisten? Aktuell wird die Gründung eines landeseigenen Baumamtes diskutiert, 500 Stellen sollen dafür geschaffen werden. Aber welche Qualifikationen sind erforderlich und welche Befugnisse ergeben sich mit der neuen Struktur? Wie lässt sich die Baumpflege so entwickeln, dass die Baumbestände vitaler und gesünder werden und künftig weniger Aufwand in der Baumkontrolle anfällt?
Die Diskussion hierzu muss offen und schnell geführt werden, damit die Strukturen transparent und zielgerichtet mit großer Unterstützung aller grünen Disziplinen gestaltet werden können.
Die Baumpflegeszene ist aufgefordert, sich hier aktiv einzubringen. Dr. Hartmut Balder
Altbestände schützen, aus Fehlern lernen, Handlungspaket erarbeiten
Die Entstehung des Berliner Klimaschutzgesetzes darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Realität der Städte und der Gesellschaft Bäume immer weniger Stellenwert haben. Sie werden vielfach als Kostentreiber, Bauverhinderer, Gefährder, Laub- und Schmutzemittent wahrgenommen. Das belegt insbesondere auch der Trend, dass die Bedeutung der Grünflächenämter vielerorts abgenommen hat, Baumschutz beim Umbau der Städte sträflich vernachlässigt wird und Baumpflanzungen immer weniger erfolgreich realisiert werden. Logisch, dass die Lebensdauer der Stadtbäume dramatisch abgenommen hat und Nachpflanzungen fehlen! Ein Ertragsdenken mit Verantwortung, wie es das Weißbuch Stadtgrün den Kommunen empfiehlt, ist in der Praxis nahezu ein Fremdwort.
Es erscheint aber sinnvoll, dass als Reaktion auf den spürbaren Klimawandel der Berliner Volksentscheid diese Fehlentwicklungen aufgedeckt und Änderungen herbeigeführt hat. Dazu gehören eben nicht nur Nach- und Neupflanzungen, sondern auch verbesserter Schutz, Pflege und Sanierung der Altbestände – und dabei aus den Fehlern zu lernen.
Also sollte jetzt gemeinsam ein fachlich getragenes Handlungspaket im Sinne der Qualität der Stadtbegrünung erarbeitet werden. Im Ergebnis ist nicht die Anzahl der Neupflanzungen entscheidend, sondern die Kühlleistung von Bäumen individuell an jedem Stadtstandort. Die auskömmliche fachgerechte Bewirtschaftung muss die Gesundheit, Vitalität und Verkehrssicherheit des Stadtgrüns sicher erreichen, das sollte die Botschaft eines wegweisenden Klimaschutzgesetzes sein.












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