
Glasfaserausbau und Baumschutz können funktionieren
Vielerorts wird intensiv daran gearbeitet, allen Zugang zu schnellem Internet zu ermöglichen – häufig jedoch zulasten der Bäume. Ihr Schutz ist Aufgabe aller Beteiligten, man kann aber nicht überall Bewusstsein und Know-how voraussetzen. Ein Beispiel aus Norddeutschland zeigt, dass es dennoch gelingen kann.
von Pit Schumacher erschienen am 26.03.2026Den Ausführenden ist oft nicht bewusst, dass Bäume über weitreichende Wurzelsysteme verfügen und deren Beschädigung mitunter schwerwiegende Folgen haben kann. Doch kann man dieses Wissen voraussetzen? Nach Meinung des Autors nicht. Im Rahmen fachspezifischer Ausbildungen, beispielsweise im Tiefbau, wird dem Baumschutz häufig keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle beigemessen – nach dem Motto: Stammschutz gleich Baumschutz.
Hinzu kommen erschwerende Faktoren wie Leistungsdruck, Preiskampf, Fachkräftemangel, Sprachbarrieren, Anforderungen von Anwohnern, Witterungseinflüsse, unwegsames Gelände sowie behördliche Auflagen, Normen und Regelwerke. Vor diesem Hintergrund rückt der Baumschutz verständlicherweise oft in den Hintergrund. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich vermeiden, stereotype Vorstellungen zu bedienen. Die obige Einschätzung basiert vielmehr auf eigenen Erfahrungen während der Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau sowie auf zahlreichen Gesprächen mit Fachkollegen und -kolleginnen aus dem Tief-, Straßen-, Wege- und Leitungsbau.
Wie kann also zielgerichtet für den Baumschutz geworben werden? Auf Augenhöhe, situationsbezogen und gegebenenfalls auch abweichend von der Norm – wie das folgende Beispiel zeigt.
Beispiel aus der Praxis
In Norddeutschland, im Kreis Pinneberg, in einer eher ländlich geprägten Umgebung, ist geplant, unter einem asphaltierten Fuß- und Radweg in etwa 0,6 m Tiefe Glasfaserleitungen zu verlegen und Hausanschlüsse herzustellen. Die rund 250 m lange Strecke wird von großen, vitalen Linden gesäumt. Der Radweg verläuft nur wenige Zentimeter an den Stammfüßen der Bäume entlang. Damit befinden wir uns im statisch wirksamen Wurzelraum. Verletzungen oder das Abreißen ganzer Wurzeln können die Standsicherheit der Bäume unmittelbar ohne weitere Umwelteinflüsse beeinträchtigen. Die Bäume stehen unter Schutz. Laut Anordnung der unteren Naturschutzbehörde darf keiner von ihnen gefällt werden. Wie kann also unter diesen Rahmenbedingungen gearbeitet werden? Eine Verlegung der Trasse auf die gegenüberliegende Straßenseite kommt nicht infrage, da häufige Straßenquerungen vom Straßenbaulastträger untersagt sind.
Jeder Baum bekam selbstverständlich vor dem Einsatz den obligatorischen 2,0 m hohen Stammschutz. Die Asphaltdeckschicht wurde daher mithilfe eines Minibaggers aufgebrochen und die Schollen anschließend per Hand aufgenommen. Das Risiko, beim Fräsen, Schneiden oder maschinellen Beräumen Wurzeln zu beschädigen, war zu hoch, sodass man sich für dieses Verfahren entschied. Dies hatte zur Folge, dass der Weg über die gesamte Breite und nicht – wie üblich – lediglich in Tieflöffelbreite zurückgebaut werden musste.
1Die Tragschicht, in diesem Fall reiner Sand, wurde ebenfalls auf ganzer Breite mithilfe eines Lkw-Saugbaggers abgesaugt. Bereits nach wenigen Zentimetern zeigte sich ein dicht verzweigtes Wurzelnetz mit unterschiedlichen Durchmessern – von 1 bis 30 cm war alles vertreten. Die freigelegten Wurzeln wurden sogleich mit Jute und Vlies abgedeckt und intensiv bewässert. Erfreulicherweise stellten die Anwohner nach einer kurzen Projektvorstellung ihr Wasser kostenlos zur Verfügung – es geschehen also doch noch Wunder. Wichtig dabei:
Die Bewässerung der Wurzeln endet nicht am Freitag um 13 Uhr, sondern muss auch samstags sowie an Sonn- und Feiertagen sichergestellt werden. Pit Schumacher
Es wurde weiter bis zur vorgesehenen Tiefe abgesaugt und die Rohrverbände für die Glasfaseranschlüsse wurden verlegt. Statt der ursprünglich geplanten zwei Leerrohre brachten die Arbeiter ein weiteres Rohr in den Graben ein – man weiß ja nie. Zusätzlich wurden die ortsansässigen Versorger über das Vorhaben und die getroffenen Maßnahmen informiert und angehalten, ebenfalls die nun ausgehobenen Gräben zu nutzen.
2Wiederherstellung der Fläche kritisch, aber erfolgreich
Eine der größten Herausforderungen zeigte sich bei der Wiederherstellung der Fläche. Der Straßenbaulastträger verlangt in der Regel den gleichen Aufbau beziehungsweise die gleiche Deckschicht. In diesem Fall war dies jedoch undenkbar, da die Temperaturen des Asphalts die Bäume langfristig stark beschädigt hätten. Auch Kaltasphalt wird mit Temperaturen von etwa 120 bis 160?°C eingebaut. Bei Temperaturen über 40?°C denaturiert das Eiweiß in den Zellen des Baumes, was zum Absterben der betroffenen Bereiche führen kann.
Auch hier fand man glücklicherweise eine geeignete Lösung. Als Tragschicht wurde das überbaubare FLL-Substrat Typ?2 in einer Gesamtmenge von mehr als 50?m³ eingebaut und verdichtet. Dabei ist darauf zu achten, dass im Bereich der Wurzeln ausschließlich statisch verdichtet wird, das heißt mittels Walze, Verdichterrad oder – im besten Fall – durch Wasser. Rüttelplatten und Stampfer sind keine Option, da sie mechanische Schäden verursachen können.
Als Deckschicht kam eine graufarbene, wassergebundene Wegedecke zum Einsatz. Der Farbton orientierte sich an Asphalt. Dieses Material zeichnet sich dadurch aus, dass es beim Einbau sehr flexibel ist, nach dem Aushärten jedoch eine akzeptable Tragfähigkeit erreicht.
Es geht nur auf Augenhöhe zwischen den Akteuren
Drei Monate Planung, drei Wochen Umsetzung, zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Interessensvertretern, letztlich kurze Entscheidungswege, pragmatische Lösungsansätze und Projektbeteiligte, die dem Vorhaben offen gegenüberstanden – all dies hat dazu geführt, dass sämtliche Bäume schadlos geblieben sind. Im Gegenteil: Ihre Standortbedingungen haben sich sogar verbessert. Und die AnwohnerInnen profitieren nun von schnellem Internet.
Fest steht: Ohne das Mitwirken und die Freigabe des Zweckverbandes wäre dieses Unterfangen in dieser Form nicht möglich gewesen. Zielgerichteter Baumschutz kann nach meinem Dafürhalten nur auf Augenhöhe zwischen den Akteuren funktionieren. In vielen Fällen ist ein guter Kompromiss, sofern fachlich vertretbar, besser als die Ultima Ratio. Allerdings muss auch allen bewusst sein, dass wir nicht jeden Baum erhalten können.






















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